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Hörspiel Captain Crunch

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Funkkorrospondenz

Reality-Radio

04.2010

Reality-Hörspiel
William Sen / Denis Moschitto: Captain Crunch
WDR I Live Di 2.3. / WDR 3 Mo 22.3. jeweils 23.05 bis 0.00 Uhr

Der Mythos Robin Hood ist deshalb so beliebt, weil hier ein Einzelner mit Witz, Schläue und überlegener Technik dem übermächtigen Establishment immer wieder eine Nase zeigt. Die Robin Hoods unserer Zeit sind Hacker.

Der Mythos, der sie schützt, funktioniert genauso wie beim legendären Geächteten aus England. Forderte der eine: „Bestehlt die Reichen und beschenkt die Armen!", so ruft der andere: „Hackt sie und zeigt allen die Sicherheitslücken!" Doch wer hält sich in welchem Maß an den Kodex, wenn das Hacken einfach Spaß macht oder es materielle Vorteile zu erbeuten gibt? Entsprechend vielfältig ist die Hackerszene, sie reicht von den fleißigen Öffentlichkeitsarbeitern beim Chaos Computer Club über isolierte Viren- Programmierer bis hin zu Industriespionen und zur Mafia. Der Übergang kann fließend sein.

Einer der ersten Hacker, wenn nicht der erste, der Legende wurde, startete in einer Zeit, als Personal-Computer noch in der Erfindungsphase steckten. John Thomas Draper alias Captain Crunch, geboren 1944, Hobbyfunker, Apple-Programmierer („Easy Writer") und zeitweise Techniker der US-Luftwaffe, avancierte in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zur Hackerikone. Ziel waren die Vermittlungscomputer der US-Telefongesellschaft AT&T. Nach Anregungen aus der Szene stellte Draper fest, dass das 2600-Hertz-Signal, das damals zur Manipulation der Telefonverbindungen erforderlich war, mit Hilfe einer Pfeife erzeugt werden konnte, die als Werbegeschenk den verbreiteten Cornflakes-Packungen von „Cap'n Crunch" beilag - daher auch der Szene- Name von Draper.

Er verfeinerte die Technik und entwickelte mit elektronischem Know-how eine Blue Box, die es auch technischen Laien ermöglichte, gratis zu telefonieren, Anrufer zu verbinden, Gespräche abzuhören und vieles mehr. Als die Blue Box in Serie ging und den Markt überschwemmte, platzte den Behörden der Kragen und Draper ging in den Knast, wenn auch nicht allzu lange. Es spricht einiges für das Gerücht, nicht John Thomas Draper, sondern Apple-Mitgründer Steve Wozniak habe seinerzeit die Blue Box produzieren lassen und das so verdiente Geld als Startkapital für den erfolgreichen Computerhersteller verwendet.

William Sen, Journalist und Autor, und Denis Moschitto, Schauspieler und Koautor, beide aus Köln und etwa Mitte 30, veröffentlichten bereits in den Jahren 1999 und 2000 Bücher über die Hackerszene. Und nach „Digital Underground" (2007) und „Poke" (2008) haben sie mit dem Stück „Captain Crunch" nun ihr drittes WDR- Hörspiel zu diesem Themenkreis produziert. Die Geschichte des Hackers erzählen sie in einem äußerst gelungenen Stilmix aus wechselnden Perspektiven (bevorzugt natürlich Drapers) und Hörspieldialogen. Für Authentizität sorgen US-amerikanische O-Töne, die immer mal wieder eingestreut werden. Wobei man bei einem Hörspiel nun mal nie weiß, ob O-Töne tatsächlich original oder ob sie nachgesprochen sind, weshalb der Hörer auf ergänzende Informationen bei der An- und Abmoderation angewiesen ist.

Die deutschsprachigen Hörspieldialoge in dem rund 55-minütigen Stück sind auf Jugendsprache getrimmt und versuchen zu vermitteln, wie aus Alltäglichem Besonderes wuchs. So erfährt man beispielsweise, dass die erste Blue Box deshalb so hieß, weil Draper die Elektronik in irgendeinem Kästchen unterbringen musste und zufällig noch ein blaues zu Hause hatte. Die Idee zu dem Ding entwickelt er in einem Gespräch mit Gleichgesinnten, bei dem das Alltagsgeplänkel sehr gewollt wirkt und für unnötige Längen sorgt.

Den positiven Gesamteindruck trübt das aber nur unwesentlich. Die Form, die Sen und Moschitto benutzen, lässt sich als radiophone Analogie des „Reality-TV" begreifen, als „RealityHörspiel". Sie ist zeitgemäß und vermag Informationen spannend und unterhaltsam aufzubereiten. Wie im Fernsehen lassen sich fehlende, schwer verständliche oder langweilige Originaltöne durch Darstellertext ersetzen, was dem Fluss, der Dramaturgie - im Zweifelsfall aber auch der Kostenstelle - entgegenkommt. Die prinzipiellen Probleme, die sich durch die Vermischung von Fakten und Fiktion ergeben, sind die gleichen wie beim Reality-TV, weshalb man getrost auf die dort geführten Diskussionen verweisen kann.

 


Letzte Bearbeitung: 4. Januar 2014